Du bist unterwegs mit Freunden. Pause im Café. Eure Bikes lehnen hintereinander an der Mauer. Ein plötzlicher Windstoß, der Lenker kippt, dein Bike rollt los und der Rahmen schlägt genau dort auf, wo er es besser nicht tun sollte. Ein ernüchternder Blick aufs Oberrohr: Carbonschaden.
Carbon ist für uns bei ARC8 das Material der Wahl. Es ermöglicht uns, extrem leichte, steife und belastbare Rahmen zu bauen und gibt uns gleichzeitig viel Freiheit bei Form und Konstruktion. Eigenschaften, die perfekt zu dem passen, was wir mit unseren Bikes erreichen wollen: hochwertige und zeitlose Fahrräder. Aber Carbon hat auch eine Seite, über die deutlich weniger gesprochen wird:
Was passiert mit einem Carbonrahmen, wenn er gerissen ist?
Carbonfasern lassen sich grundsätzlich zurückgewinnen. Eine Möglichkeit dafür ist die sogenannte Pyrolyse. Dabei wird das Harz durch hohe Temperaturen von den Fasern getrennt. Solche Verfahren werden beispielsweise bereits in der Luftfahrt- und Windkraftindustrie eingesetzt. Allerdings haben die zurückgewonnenen Fasern nicht mehr dieselben Eigenschaften wie neue Carbonfasern. Aus einem alten Hochleistungsbauteil entsteht deshalb in der Regel kein gleichwertiges neues. Technisch gesehen sprechen wir also eher von Downcycling als von Recycling. Perfekt ist das nicht, aber in jedem Fall besser, als die Fasern vollständig zu verlieren.
Ein Carbonrahmen kann sehr lange halten. Und selbst bei Beschädigungen ist eine Reparatur in vielen Fällen möglich. Trotzdem erreicht irgendwann jeder Rahmen sein Lebensende. Nach einem schweren Sturz zum Beispiel. Oder bei Rahmen, die wir in Entwicklung und Qualitätssicherung bewusst bis an ihre Belastungsgrenzen bringen. Dann beginnt das eigentliche Problem: Aluminium oder Stahl können eingeschmolzen und wieder als Rohstoff genutzt werden. Bei Carbon ist das deutlich komplizierter. Aus einem alten Carbonrahmen lässt sich heute nicht einfach wieder ein gleichwertiger neuer Rahmen herstellen. Ein echter geschlossener Materialkreislauf existiert bislang nicht.
Auch in der Velobranche gibt es bislang kaum etablierte Kreisläufe für ausgediente Carbonrahmen. Viele alte oder defekte Rahmen werden gelagert, deponiert oder am Ende thermisch verwertet. Für uns war klar, dass wir versuchen wollen, einen anderen Weg zu gehen. 2025 haben wir deshalb in einem ersten Schritt unsere Schweizer Händler dazu aufgerufen, alte Carbonrahmen und -komponenten zu sammeln, ganz unabhängig davon von welchem Hersteller das Produkt war. Anschliessend haben wir das Material zu einer Pyrolyse-Anlage nach Deutschland gebracht. Aus den alten Rahmen wurden zwar keine neuen Velorahmen. Die enthaltenen Carbonfasern konnten aber weiterverwendet werden und bekamen damit ein zweites Leben.
Für uns war das ein erster Schritt.
Der sinnvollste Carbonrahmen am Ende seines Lebens ist zunächst einmal derjenige, dessen Leben noch gar nicht zu Ende ist. Deshalb arbeiten wir z.B. mit Bikerecovery aus der Schweiz zusammen. Veit Schawalder, der Spezialist für Carbonreparaturen, prüft beschädigte Rahmen und Komponenten und setzt sie, wo technisch sinnvoll und sicher möglich, fachgerecht instand. So lässt sich die Lebensdauer eines Rahmens in vielen Fällen deutlich verlängern.
In der von Composites United gegründeten Initiative arbeiten inzwischen rund 40 Unternehmen, Forschungseinrichtungen sowie Recycling- und Technologiepartner aus sieben Ländern zusammen. Das gemeinsame Ziel: Materialien aus ausgedienten Sportprodukten wieder sinnvoll in den Produktionskreislauf zurückzuführen. Dabei geht es nicht nur um neue Recyclingverfahren. Genauso wichtig sind Fragen wie:
Das sind Fragen, die ein einzelner Hersteller kaum lösen kann. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir es gemeinsam vielleicht schaffen.
*https://composites-united.com/sasem/
Wir möchten an dieser Stelle keine Kreislaufwirtschaft versprechen, die es heute noch nicht gibt. Carbon bleibt ein technisch faszinierendes Material mit Eigenschaften, auf die wir bei unseren Bikes nicht verzichten möchten. Gleichzeitig müssen wir uns mit den Nachteilen auseinandersetzen, die damit verbunden sind.
Reparieren, Lebensdauer verlängern, Materialien zurückgewinnen und gemeinsam bessere Kreisläufe entwickeln: darin sehen wir aktuell den sinnvollsten Weg.
Dass ein alter Carbonrahmen irgendwann nicht mehr als Abfall endet, sondern wieder zu einer Ressource wird.